DENNIS FUCHS
Cold Soup

21.02.- 28.03.2026



LAURA MARS GALLERY
Bülowstraße 52 - 10783 Berlin - lauramars.de
Öffnungszeiten: Mi-Fr 13-19 Uhr, Sa 13-18 Uhr


Mit Cold Soup ist kein Gazpacho, kein Gericht mit Smoothie-Konsistenz gemeint und auch metaphorisch wird die Suppe bei den gezeigten neuen Arbeiten von Dennis Fuchs mit dem für ihn so charakteristischen feinen Witz und einem Augenzwinkern ganz und gar nicht kalt: es sind großformatige Zeichnungen mit hauchfeinen Airbrush-Farbwolken und Bleistiftlinien, ein prachtvolles Keramikgefäß und figürliche Kleinplastiken in coolen Posen sowie überraschend: sein Vorstoß in die Malerei.

Dennis Fuchs hat sich in den letzten Jahren an die große Form herangetastet, man kennt seine kleinen Becher und Schalen – und jetzt, titelgebend für die Ausstellung, eine große soup tureen ohne Deckel: nicht auf der Scheibe gedreht, sondern mit der Hand des Bildhauers geformt. Hier stellt sich Dennis Fuchs ganz in die Tradition: die Oberfläche plastisch mit Faltungen und figürlichen Aufbauten, mit Ritzungen und Kerben – man denkt an die rustiques figulines von Bernard Palissy, dem großen Keramiker des 16.Jhs., und seinen berühmten Eidechsen-Tellern. Mit jenen Reptilien sind die kletternden und sich über den Schüsselrand hangelnden Geckos von Dennis Fuchs verwandt. Die figürlichen Wesen und Körperteile wollen von außen nach innen und vice versa – wir sind in seinem unverkennbar eigenen motivischen Kosmos, amorph und figürlich dekonstruiert. Traditionelle Formensprache und Dekore werden mit Witz verfremdet, doch in der Farbigkeit wird auf das historische Prunkgeschirr verwiesen: das besondere Grün rekurriert auf die charakteristische Glasurfarbe Seladon, das auf die jadefarbige chinesische Keramik der Ming-Zeit zurückgeht.

Die Figuren „User Bodies“ (2026) sind aus Porzellan, die preziöse alchimistische Keramik und „Don Quichotte der Materie“ (Emmanuel Boos), entzieht sich in Herstellung und Brand der völligen Planbarkeit. Sie sind ganz heutig in Haltung und Pose, in allen erdenklich entspannten Körperhaltungen, also immer relaxed, in der konzentrierten Smartphone-Nutzung ganz bei sich und doch mit einem digitalen Gegenüber kommunizierend: dieses IT-Wunderwerk, das im 21.Jh. allmählich vom Alltagsgegenstand und hier zum Add-on des menschlichen Körpers mutiert. So wie die anthropomorphen Lebensmittel-Figürchen, die Dennis Fuchs schon vor Jahren mit einem schmunzelnden Blick auf die Wurst-Serie von Fischli & Weiss entwickelt und auch in die Zeichnung umgesetzt hat, sind Proportion und Maß genau stimmig. Die Figuren sind hier in verschiedenen Stufen der Materialbearbeitung realisiert: wie geknetet, mit den Fingern roh modelliert oder geglättet mit vollendet glasierter Oberfläche. Alle sind in ihrer Körpersprache völlig logisch und überzeugend, die separat angesetzten Extremitäten in purem Porzellan-Weiß genau dort, wo sie hingehören. In der Anordnung der ganz auf Empfangen und Senden konzentrierten, in sich gekehrten Figurengruppe entsteht ein virtueller Kontakt-Raum: digitale Nähe vs. analoger Distanz – oder verlieren sich die Figuren gerade im Rabbit Hole?

Sehr stark reduziert wird das Figürliche dagegen in den Airbrush-Zeichnungen, es finden sich hier nur noch Ansätze zum Gegenständlichen: Hände, Beine, angedeutete Körperteile. Der berührungslose Farbauftrag mit Spritzpistole und ultrafeiner Düse ist ansonsten hauptsächlich in der sehr gegenständlichen Kunst, der Pop-Art, im Fotorealismus und der Gebrauchsgrafik verbreitet, aber auch bei den Genres, die Dennis Fuchs näher sind: Graffiti, Street-Art und Comic. In die Kunst eingeführt hat diese „Zerstäubungstechnik“ wohl Paul Klee, zu sehen u.a. bei „Der Springer“ von 1930. Die fließenden Übergänge der Farben bei Dennis Fuchs bilden sowohl Farbwolken, aber er zeichnet auch Umrisse in Airbrush. Die duftigen Farbfelder und die darüber- und danebengelegten Bleistift- und Farbstiftzeichnungen schaffen auf kleiner Fläche viel Tiefe und der partielle Farbauftrag mit dem Pinsel lässt Ansätze zur Malerei erkennen.

Das erlebt man alles u.a. im großen Diptychon, dessen Titel „Scrolling the Expanded Field“ (2026) auf Rosalind Krauss‘ Konzept „Sculpture in the extended field“ von 1979 verweist, ein damals bahn-brechender Text mit einer Neudefinition des Terrains zur Kunstproduktion, dort anhand der Skulptur im Raum. Die Arbeit entstand auf Holz, der Oberflächentextur und skulpturalen Verortung an der Wand wegen. Auch über die Ränder wird gesprüht und über die Grenzen der Platte hinweggezeichnet. Wie beim Scrollen am Display scheint das Hoch-und-Runter möglich, eine Ausdehnung zur Seite sowie das Zoomen. Deshalb liest sich das Werk anders als eine lineare Zeichnung, die Bewegungen der Linien sowie die der Extremitäten von Figuren streben wie Vektoren in verschiedene Richtungen. Es gibt kein Zentrum mehr, man kann/will/muss sich frei entscheiden wie in einem Wimmelbild in der Tradition von Hieronymus Bosch. Das Figürliche sind Hände, Beine, Körperteile in Bewegung. Die feinen, teilweise zitternden Linien sind häufig nur ein „Vorbeigehen des Strichs“, das, was Roland Barthes bei Cy Twombly als „eine sublime Form des Strichs, die weder kratzt noch verletzt“ beschreibt. Sprechblasen sind ohne semantischen Inhalt und Klammerungen ohne Schrift, doch Symbole und Miniaturen deuten Gedanken an. Und wir entdecken den Hasen-Enten-Kopf, der explizite Hinweis auf Wittgensteins Beschreibung der Deutungsspielräume in der Kunstbetrachtung, zwischen den Polen Figürlichkeit und Abstraktion. Vom „wiedererkennenden, dem Hang zum gegenständlichen Sehen“ wie Max Imdahl unseren ersten suchenden Blick beschreibt, hilft uns Dennis Fuchs zu einem „sehenden Sehen“ in Imdahls Sinne, das von der Bildautonomie ausgeht und nicht beim Suchen von Gegenständlichem steckenbleibt.

In den malerischen Arbeiten „Truth and Dare“, „Wiggle Room“ und „Minor Inconvenience“ (alle 2026) arbeitet Dennis Fuchs zwar prinzipiell mit den gleichen Techniken, aber es dominieren große Farbflächen. Die Arbeiten könnten geradezu als Zooming-Ins zu den Zeichnungen verstanden werden, hier mit verschwindend subtil gezeichneten Details und feinsten gesprühten Ausfransungen am Rand der Farbfelder. Die wiederum in den kleinformatigen „Arensdorf Fill-Ins“ (2025), in der berührungslosen Sprühtechnik gearbeitet, zum reinsten ‚Farbfeld-Airbrushing‘ werden. Ein schwebender Dunst füllt das monochrome Farbfeld gänzlich aus, was nicht pulsierend wirkt wie bei Rothko, eher vibrierend-schwebend oder in Auflösung begriffen. Bei anderen Arbeiten dieser minimalistischen Serie, wo gesprühte Linien das Farbfeld ausfüllt oder als Kontur umrandet, erreicht Dennis Fuchs den gleichen faszinierenden Effekt. Ein sinnliches Erlebnis – und wahrlich alles andere als cold soup!


Text: Dr. Klaus Ulrich Werner, Literaturwissenschaftler und Bibliothekar, schreibt über Bibliotheken, Architektur und Kunst (klaus-ulrich-werner.de)




/ english version


DENNIS FUCHS
Cold Soup



21.02.- 28.03.2026


LAURA MARS GALLERY
Bülowstraße 52 - 10783 Berlin - lauramars.de
opening hours: Mi-Fr 1-7 pm, Sa 1-6 pm



Cold Soup does not refer to gazpacho or a smoothie-like concoction. Metaphorically speaking, the soup in Dennis Fuchs's new works is anything but cold. With his characteristically subtle humor and a wink at the viewer, he presents large-format drawings, ultra-fine airbrushed clouds and pencil lines, a magnificent ceramic vessel, small figurative sculptures in cool poses—and, surprisingly, his venture into painting.

Over the years, Dennis Fuchs has scaled up his ambitions, moving from his beloved small cups and bowls to a centerpiece that lends the exhibition its name: a grand soup tureen, lidless and hand-shaped rather than wheel-turned. With this, Fuchs steps into a lineage of ceramic artistry, the vessel’s surface alive with folds, sculpted forms, and etched marks that echo Bernard Palissy’s legendary rustiques figulines. Geckos crawl and dangle along the rim, kin to Palissy’s reptiles. Figures and body parts twist from inside to out and back again, conjuring a dreamlike, deeply personal universe where forms melt and reassemble. Fuchs playfully distorts traditional forms and motifs, but his color choices nod to history: the vessel’s striking green glaze evokes celadon, itself a tribute to the jade hues of Ming dynasty ceramics.

The User Bodies (2026) figures are made of porcelain, that mysterious, alchemical material Emmanuel Boos once called a 'Don Quixote of matter' for its unpredictable nature. These figures lounge in every imaginable relaxed pose, utterly absorbed in their smartphones, as if their devices have become extensions of themselves. Like Fuchs’s earlier anthropomorphic food figurines—playful nods to Fischli & Weiss’s sausage series—these bodies are perfectly proportioned, their scale and posture precisely tuned. Some appear kneaded and roughly shaped, others smoothed to a glossy finish, but all radiate convincing body language, their porcelain limbs attached just so. Gathered together, this group is lost in digital communion, creating a space where virtual closeness meets real-world distance. Or perhaps, they are tumbling ever deeper into the rabbit hole.

By contrast, Fuchs’s airbrush drawings pare the figurative down to a whisper: just hands, legs, and fleeting body parts. The spray gun and ultra-fine nozzle, tools of Pop Art, photorealism, and commercial graphics, also belong to Fuchs’s world of graffiti, street art, and comics. This atomizing technique, introduced to fine art by Paul Klee, is visible, for instance, in Der Springer (1930). In Fuchs´s work the color drifts into clouds and outlines dissolve into mist. Pencil and colored-pencil lines float over these airy fields, creating surprising depth on a small surface. Occasional brushstrokes hint at a painterly turn.

These elements are featured in the large diptych Scrolling the Expanded Field (2026), which references Rosalind Krauss’s 1979 concept, Sculpture in the Expanded Field, a groundbreaking text redefining the terrain of artistic production, using sculpture in space as its point of departure. Created on wood for its texture and sculptural presence, the work’s spray and drawing extend beyond the panel’s edges. The composition invites multidirectional viewing, similar to scrolling on a screen, and lacks a central focus, encouraging free navigation as in a crowded image composition in the tradition of Hieronymus Bosch. Figurative elements such as hands, legs, and body parts are depicted in motion. Fine, sometimes trembling lines are often just a “passing of the stroke,” as Roland Barthes described in relation to Cy Twombly: “a sublime form of the line that neither scratches nor wounds.” Speech bubbles and brackets remain empty, while symbols and miniatures imply thought. The rabbit-duck head directly references Ludwig Wittgenstein’s discussion of interpretive ambiguity between figuration and abstraction. Drawing on Max Imdahl’s concepts, Fuchs leads viewers from “recognizing seeing” to “seeing seeing,” emphasizing perception based on the image’s autonomy rather than the search for familiar forms.

In painterly pieces like Truth and Dare, Wiggle Room, and Minor Inconvenience (all 2026), Dennis Fuchs lets color steal the spotlight. These works feel like close-ups of his drawings, with lines that are barely visible and the softest spray fraying the edges of color fields. In the small Arensdorf Fill-Ins (2025), pure color mist fills the space, not pulsing like Mark Rothko but shimmering, hovering, almost dissolving. Whether lines fill or outline the field, the effect is mesmerizing—a feast for the senses, and certainly not cold soup.


Text: Dr. Klaus Ulrich Werner, literary scholar and librarian, writes about libraries, architecture, and art (klaus-ulrich-werner.de)


Text english version (pdf)